Der salutogenetische Ansatz ist heute eine wichtige Grundlage für Maßnahmen und Konzepte der Gesundheitsförderung. Auch im Bildungsbereich ist der Begriff „Salutogenese“ allgegenwärtig. Doch was genau verbirgt sich hinter dem Konzept? Dieser Beitrag unserer Didaktik-Reihe gibt einen kompakten und verständlichen Überblick bezogen auf den Bereich Schule.
Wie entsteht Gesundheit? Wie erhalten wir sie?
Die Theorie der Salutogenese (Gesundheitsentstehung) beschäftigt sich mit genau diesen Fragen. Der israelisch-amerikanische Wissenschaftler Aaron Antonovsky hat dazu in den 1970er Jahren einen neuen Ansatz entwickelt: Wo sich andere darauf konzentrierten gesundheitliche Risikofaktoren auszumachen und zu vermeiden, drehte er den Spieß herum und suchte nach Bedingungen, die die Gesundheit fördern. Bereits einfache Überlegungen verdeutlichen die Begrenzung des ersten Ansatzes: Die Entstehung von Krankheiten ist so komplex, dass es unwahrscheinlich ist, alle Risiken zu benennen und auszuräumen. Zudem verändern sich Lebensumstände. Sich nur auf Krankmacher zu konzentrieren ist also keine umfassende Unterstützung für unsere Gesundheit.
Nach Antonovsky sind Gesundheit und Krankheit zwei Extreme. Unser jeweiliger Zustand liegt im Kontinuum dazwischen. Jeder Mensch ist ständig in irgendeiner Form Stress ausgesetzt, die die Nadel in Richung Krankheit ausschlagen lassen kann. Um sich in Richtung Gesundheit zu bewegen, muss der Mensch dazu fähig sein, Ressourcen zu erkennen und zu nutzen. Diese Fähigkeit gilt es bei Kindern und Jugendlichen zu stärken.
Salutogenetisches Lernen
Unter gleichen äußeren Bedingungen reagieren Menschen unterschiedlich auf Stress. Antonovsky begründet das mit einem unterschiedlichen Kohärenzsinn. Darunter versteht er ein Gefühl für Zusammenhang und Stimmigkeit. Praktisch gesehen handelt es sich um die Fähigkeit, die allgegenwärtigen Anforderungen zu bewältigen. Dieser Kohärenzsinn entwickle sich vor allem im Kindes- und Jugendalter, vorausgesetzt der Mensch erlebt ein gewisses Maß an Kontinuität. Er besteht im wesentlichen aus drei Komponenten:
Konkret heißt das (vgl. Krause 2006, S. 3 *):
Für Kinder mit einem guten Kohärenzsinn sind Misserfolge beim Lernen erklärbar, sie erleben die sich daraus ergebenden Anforderungen an die besonders schwierige Gestaltung von Lernprozessen als vorhersagbar und kontrollierbar (Verstehbarkeit).
Solange das Kind daran glaubt, dass es das Rechnen, Lesen und Schreiben auch erlernen kann, dass es mit der Unterstützung der Familie, der Schule und anderer Institutionen rechnen kann und trotz aller Schwierigkeiten die Anforderungen bewältigen wird (Handhabbarkeit), können wir noch von einer "gesunden" Situation sprechen.
Und nur wenn das Kind von der Bedeutsamkeit und Richtigkeit der eigenen Anstrengungen und des eigenen Engagements überzeugt ist, kann es zur Überwindung der Schwierigkeiten bereit sein (Sinnhaftigkeit).
Für Antonovsky hat die Sinnhaftigkeit eine besondere Bedeutung. Unterricht sollte sich daher an den Lebenswelten der Schülerinnen und Schüler orientieren, um bedeutsam zu sein.
Ressourcen von Lehrkräften stärken
Nicht nur im Hinblick auf Schülerinnen und Schüler entfaltet der salutogenetische Ansatz seine Bedeutung. Auch die Gesundheit und das Wohlbefinden von Lehrerinnen und Lehrern wird durch eine Beachtung dieses Ansatzes positiv beeinflusst. Im Sinne der gesundheitsfördernden Schule finden präventive Maßnahmen aber nicht punktuell statt. Vielmehr muss die ganze Schule in einen Entwicklungsprozess eingebunden sein.
BZgA (2001): Was erhält Menschen gesund? Antonovskys Modell der Salutogenese
Heseker, Helmut et al. (2005): REVIS Modellprojekt - Reform der Ernährungs- und Verbraucherbildung in Schulen, 2003 bis 2005.
Schlussbericht. Paderborn.
Forschungsprojekt REVIS (Reform der Ernährungs- und Verbraucherbildung in Schulen): http://www.evb-online.de/
* Krause, Christina (2006): Ich bin Ich. Gesundheitsförderung durch Selbstwertstärkung in Kindergärten und Schulen
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